Auf dieser Seite finden Sie jeweils ausgesuchte Predigten unserer Pfarrerin Verena Schlatter.
Diese Predigt stammt vom Weihnachtsgottesdienst 2010
Liebe Gemeinde,
Seit unseren Kindertagen verbinden wir Weihnachten mit der gleichen Geschichte. Sie erzählt von Engeln und Hirten, der mühsamen Wanderung nach Bethlehem und der Herbergssuche. Es ist die Weihnachtsgeschichte aus dem Lukasevangelium. Meistens wird sie noch angereichert mit Einzelheiten, die teils anderswo in der Bibel stehen, zum grösseren Teil aber in der Heiligen Schrift gar nicht vorkommen. Es sind Ausschmückungen, die man macht, um die Geschichte Kindern und Erwachsenen möglichst anschaulich zu erzählen. Manche davon sind so zur Gewohnheit geworden, dass die meisten Leute meinen, sie ständen auch in der Bibel.
Weihnachten ohne die ausgeschmückte Weihnachtsgeschichte von Lukas, das darf es für unser heutiges Empfinden nicht geben. Das war aber nicht immer so. In den ersten drei Jahrhunderten nach Christus kannte die Christenheit noch keine Weihnachtsfeiern. Die Ankunft Jesu Christi auf dieser Welt wurde aber auf andere Art schon gefeiert. Sie gehörte von Anfang an zum Kern des Glaubens.
Weil das so ist, erlaube ich mir heute, eine andere Geschichte als die von Lukas in den Mittelpunkt meiner Predigt zu stellen. Genau genommen ist es gar keine Geschichte, sondern ein Briefanfang. Aber erzählt wird da auch einiges. Der Römerbrief wurde von Paulus verfasst, um das Wichtigste am christlichen Glauben einmal in einem Guss niederzuschreiben. Ich lese nun den Anfang dieses Briefes.
Diesen Brief schickt Paulus an alle Christen in Rom. Jesus Christus hat mich zu seinem Botschafter berufen. Ihm diene ich mit meinem ganzen Leben, und in seinem Auftrag verkündige ich Gottes frohe Botschaft. In der Heiligen Schrift hat Gott sie schon lange durch seine Propheten angekündigt. Jetzt ist sie in Erfüllung gegangen. Es ist die Botschaft von seinem Sohn Jesus Christus, unserem Herrn. Er ist als Mensch geboren worden und ein Nachkomme König Davids. Dass er aber durch Gottes Geist auch Gottes Sohn ist, dem alle Macht gegeben wurde, beweist seine Auferstehung von den Toten.
Ich habe seine erbarmende Liebe erfahren und bin als sein Apostel beauftragt, in seinem Namen Glaubensgehorsam zu erwirken und seinen Namen unter allen Völkern zu verbreiten. Auch ihr in Rom habt euch ja von Jesus Christus rufen lassen und gehört jetzt zu ihm.
Ich grüsse euch alle, die ihr von Gott geliebt und zu seinem Dienst berufen seid, und wünsche euch Gnade und Frieden von Gott, unserem Vater, und unserem Herrn Jesus Christus! (Röm. 1,1-7)
Die Bücher von Lukas - also sein Evangelium - und vom Apostel Paulus haben beide das gleiche Ziel: Sie wollen zeigen, was für eine ausserordentliche Bedeutung Jesus hat. Schon in der Einleitung der Bücher soll das deutlich sichtbar sein. Die Einleitung eines Buches ist ja sozusagen das Programm. Sie soll zeigen, worum es dem Schreiber eigentlich geht. Die Einleitung soll auch spannend sein, damit man dann weiter liest, und sie soll den Leser wenn möglich persönlich berühren.
Das ist der Grund, weshalb Lukas die spannende und anschauliche Weihnachtsgeschichte an den Anfang seines Evangeliums stellt. Die Geschichte voller Wunder soll zeigen: Jesus ist kein gewöhnlicher Mensch. Hier ist von Anfang an Gott am Werk. Die berührenden Schicksale von Maria, Joseph und den Hirten zeigen, dass Jesus zwar für alle kommt, aber ganz besonders für Arme und Ausgestossene.
Auf andere, aber ebenso bewegende Art weist Paulus auf die Bedeutung Jesu Christi hin. Er erzählt ganz persönlich, wie grosse Dinge Jesus in seinem eigenen Leben schon bewegt hat. Jesus hat Paulus vergeben, dass er einst einen völlig verkehrten Lebensweg einschlug und in frommem Übereifer unschuldige Menschen verfolgte. Und mehr als das: Trotz allem hielt er ihn für würdig, einer der wichtigsten Botschafter für seine gute Nachricht zu werden. Wenn Jesus so etwas tut, dann verdient er es, dass man ihm die Ehre gibt und ihn als entscheidenden Heilsbringer für die ganze Welt betrachtet.
Paulus und Lukas betonen beide: Jesus ist Gottes Sohn. Er ist durch den Heiligen Geist so mit Gott verbunden, wie das sonst niemand ist. Mit Jesus kommt Gott selber zu uns. Er hilft uns, spricht zu uns, begleitet uns und zeigt uns seine Liebe.
Paulus und Lukas betonen aber auch: Jesus war ein gewöhnlicher Mensch; ein Nachkomme Davids. Er war nicht irgendein Halbgott, der auf die Erde kam, wenn es ihm gerade Spass machte, und sich mit seinen übernatürlichen Kräften wieder davonschlich, wenn es für ihn unangenehm wurde. Er wurde ganz Mensch, mit allen angenehmen und unangenehmen Seiten, die das Leben dann mit sich bringt. Jesus wich nicht aus, wenn es unangenehm oder sogar brenzlig wurde; und auch jetzt ist er uns gerade in den heikelsten Lebenslagen besonders nahe.
Gemeinsam ist Paulus und Lukas auch, dass sie die Geburt Jesu nur als Anfang sehen. Sie ist nötig und wichtig. Aber das Entscheidende geschieht erst nachher.
So tut es uns vielleicht gut, Weihnachten in unseren Köpfen zu entschlacken. Das herzige Jesuskind, niedliche Engel und berührende Wundergeschichten von der Heiligen Nacht können nämlich an Weihnachten so übertrieben dargestellt werden, dass es nicht mehr zum richtigen Leben und zum wirklichen Jesus passt. Die Engel waren in der Bibel nicht süss, sondern gewaltig. Den Hirten musste zuerst gesagt werden, dass sie sich vor ihnen nicht zu fürchten brauchten. Das Jesuskind war zwar am Anfang süss. Aber dann kam es in die Pubertät und wurde erwachsen. Wenn Jesus nicht als Erwachsener Entscheidendes getan hätte, könnte er nicht unser Erlöser sein.
Das ist zu bedenken, wenn wir ein friedliches und harmonisches Weihnachtsfest erwarten, und ganz besonders, falls diese Hoffnung dann enttäuscht wird.
Weihnachten ist wichtig, aber erst der Anfang. Viel Wichtiges folgt erst mit dem erwachsenen Jesus und mit den Menschen, die ihm nachfolgen. Das beschreibt der Apostel Paulus sehr treffend. Was seinem eigenen Leben die entscheidende gute Wendung gab, das will er nun möglichst vielen anderen Menschen zugänglich machen. Er will „Glaubensgehorsam erwirken und Jesu Namen unter allen Völkern verbreiten“.
Mit Glaubensgehorsam meint er nicht das sture Einhalten von Vorschriften. Das hat er früher als Pharisäer getan und dabei das Heil nicht gefunden. Er meint: Wenn Gott uns mit Jesus so sehr beschenkt, dann verdient er es auch, dass wir ihn nicht nur an Weihnachten feiern, sondern ihm auch im Alltag treu sind. Die Ankunft Jesu auf dieser Welt hat ihr Ziel erst dann erreicht, wenn Menschen ihm auch an Tagen, wo ihnen nicht besonders ums Feiern ist, so gut sie können nachfolgen.
Jesu Namen überall bekannt zu machen, das ist zum Erreichen dieses Ziels unbedingt nötig. Das gilt auch für die Gesellschaft in der heutigen Schweiz. In vielen heutigen Familien ist Jesus zwar noch der Anlass für das Weihnachtsfest, aber nicht mehr wirklich der Mittelpunkt. Wenn das passiert, geht etwas Entscheidendes verloren; nicht nur für die Festtage, sondern fürs ganze Leben.
Gerade die Weihnachtszeit gibt Gelegenheiten, Zeichen für Jesus zu setzen. Je nach Begabung kann man das mit Geschichten erzählen, mit musizieren oder auch mit guten Taten für Menschen am Rand der Gesellschaft tun. Es gibt viele Möglichkeiten, um sich anmerken zu lassen, dass Jesus Christus auch in der heutigen Zeit noch wichtig ist. Am besten ist es, zuerst zu überlegen, was einem selber eigentlich an Jesus am meisten bewegt. Wenn das klar ist, wird man auch Möglichkeiten finden, wie die Botschaft davon unter die Leute gebracht werden kann.
Weihnachten feiern mit Engeln, Krippe und Kerzenschein, das ist eine gute Sache, um einen Anfang zu machen. Es ist gut für die Kinder, die so Jesus kennen lernen und einen wichtigen Teil seiner Botschaft. Auch für Erwachsene kann ein so gefeiertes Weihnachtsfest wertvolle Anregungen geben.
Wie das Jesuskind müssen aber auch Weihnachten und der Glaube erwachsen werden. Der Apostel Paulus gibt uns dazu gute Anregungen. Amen.
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